BLOG EINTRAG #25 – AUSTRALIEN (PART 1)

Kulturschock!!! Wo waren die Kinder hin? Wo waren die Menschen auf der Straße? Autos sind leblose Maschinen, anonym und ohne Zugang, die rücksichtslos und eng an dir vorbeischnellen. Was sollen diese Zäune? Was sollen diese unzähligen Verbotsschilder? Keep out! No turn left! No entrance! No camping! Nokia! Und warum grüßt hier niemand? Keiner interessiert sich für dich. Warum grinst hier niemand? Na weil der Augenkontakt fehlt, wenn man nur auf sich selbst achtet! Ist der Flieger schon auf dem Rückweg? … Mist.

Herzlich Willkommen in der Westlichen Welt im äußersten Osten auf der Karte. Eigentlich sollte ich sowas ja kennen, aber scheinbar hat sich meine Sicht der Dinge verändert. Das ist doch auch immer die Frage, die mich Leute fragen: „Hat dich die Tour bisher verändert?“ Verdammt, ja, es ist soweit!

Okay, Straßen in der Güteklasse Babypopo haben was für sich. Ein fetter Supermarkt mit unendlicher Auswahl ist auch nicht verkehrt. Aber warum muss das hier in Australien alles so teuer sein? Ne Flasche Bier im Supermarkt umgerechnet 2€? Das muss verdammt guter Stoff sein! Wo sind eigentlich die ganzen gefälschten Klamotten aus China? Hey, ein Free Wifi … überhaupt ein Wifi, nicht übel! Damit kann man so einigen organisatorischen Kram, der nun mal auch auf Reisen anfällt, erledigen. Und es gibt Schuhe in meiner Größe zu kaufen, Hammer!

Ja, diese westliche Welt hat ihre Vor- und ihre Nachteile, um es mal ganz kurz zu halten. Darwin kann jedoch nichts, deswegen schnell raus hier. Aber wohin will ich eigentlich? Wahrscheinlich immer weiter Richtung Osten. Warum ich jedoch von Darwin ca. 2400km bis an die Ostküste fahren musste, konnte ich davor nicht sagen, währenddessen nicht und im Nachhinein auch nicht mehr. Wegen der Herausforderung? Nein, ich mach das hier zum SPASS! Wegen der Landschaft? Eigentlich dachte ich mir schon im Voraus, dass es nichts zu sehen gibt. Ich glaube, es war eher der Stolz, der das Bild, das ich bisher auf die Weltkarte gemalt habe, flüssig bis Sydney weiterfließen lassen wollte. Tipp an alle Touringcyclists da draußen: Lasst euren Stolz mal besser daheim. Und nehmt nicht diesen Savanna Way und schon gar nicht von West nach Ost und auch nicht alleine.

Gehen wir es einmal chronologisch durch: Die ersten 500km gingen auf dem Stuart Highway Richtung Süd(-Osten). Diese Road-Trains, 53m lange LKWs waren neu für mich, erzeugen einen guten Sog, in dem man auch mit 300m Abstand noch Rückenwind hat, bzw. wenn einer aus der Gegenrichtung kommt, man komplett ausgebremst wird. Kängurus gab es auch zu sehen, jedoch zu 95% im Elementarzustand „Roadkill“. Und das stinkt! Ich kann mich nicht erinnern jemals einen übleren Geruch wahrgenommen zu haben, als diesen.

Beim Roadhouse „Daly Waters“ ging es dann Richtung Osten. Graslandschafft, Termitenhügel, leichter Gegenwind, Baked Beans. Jeden Tag. Jeden verdammten Tag. An dieser Stelle ein spektakulärer Auszug aus meinem Reisetagebuch: „Tag 336 – nix passiert“. Die kleinen Siedlungen hatten zwar kleine Supermärkte, jedoch mit wenig Auswahl und extremst teuer. Von Roadhouses brauch ich garnicht erst reden, 6 AU$ (4€) für schäbiges Toastbrot? Der Traum eines jeden Low-Budget-Travellers. Und jede Fingerkrümmung wird monetarisiert. Ob ich nur ganz kurz bei einem Campingplatz duschen kann, obwohl ich nicht dort übernachte? Klar, kein Problem 5$. Sicherlich! Ab zur öffentlichen Toilette, eingesperrt und mit Wassersack in der Hand umsonst geduscht. Die Straße wandelte sich von Asphalt in Gravelroad, teilweise mit extremen Wellblech und/oder Tiefsand. Meist waren es um die 100km vom einen Dorf oder Roadhouse bis zum nächsten, der Längste Stretch war sogar 400km. Dazwischen war nichts. Es stand an erster Stelle immer genug Wasser dabei zu haben, auch wenn es aus dem Fluss entnommen werde musste. Krokodilschissflavour, lecker! Morgens aufstehen, schwerfällig das Zelt abbauen, strampeln, Gegen den Wind kämpfen, essen und schlafen, Tag für Tag dasselbe Spiel. Abends im Zelt hatte ich eigentlich stets nur meine Rückkehr nach Deutschland im Kopf, Familie und Freunde, alle an einem Tag vereint im Hof vorm Haus meiner Eltern, von dem ich im Juni 2015 losgefahren bin. Doch ich wusste, dass es hier keinen Ausweg gibt und Pausen erst recht nicht weiterbringen, weil sie mich nicht weiterbringen. Also fuhr ich einfach immer weiter und immer weiter. Ich dachte an früher, morgens früh aufstehen und zur Arbeit gehen, auf die man null Bock hat. Wollte ich dieser Sache nicht entfliehen? Dummerweise gab es nicht mal ein Wochenende, an dem man seinen Hass mit Bier und Schnaps runterspülen hätte können. Also ging es eben einfach immer weiter. Ja meine Laune war nicht die beste und es fiel schwer positiv zu bleiben.

Zelten konnte ich überall, hier war ja nichts und niemand, der sich beschweren hätte können. In den zwei Aborigine Communities, an denen ich vorbei kam, waren die Leute wahrscheinlich etwas überrascht von meinem Verhalten. Ich bin einfach zum Sportplatz gegangen, hab beim Rugby zugeschaut und bin zum Basketballcourt gegangen und hab mit den Jungs ein paar Würfe genommen. Sie waren freundlich zu mir und fragten neugierig, was ich hier mache mit meinem Fahrrad. So eine Offenheit von einem fremden Weißen? Und beim nächsten Roadhouse wird man dann vom Besitzer, der ebenfalls sehr freundlich ist, gewarnt: „Zelte da nicht in der Nähe, das ist ein Aborigine Dorf.“ Ein Thema, das einen kaputt macht und auf das ich hier nicht weiter eingehen möchte.

Der Wind wurde tagsüber immer stärker, aber mit Sonnenuntergang war er plötzlich völlig verschwunden, also fuhr ich eben auch in der Dunkelheit noch weiter, um voran zu kommen. Dazu jeden Tag Baked Beans und Toast Brot. Die Kängurus konnte man nun mehr und mehr beim Springen beobachten und die Sonnenuntergänge waren theoretisch auch der Wahnsinn, doch es fehlte die Magie. Die geht verloren, wenn man die Geschichte des Landes kennt, und weiß, dass im nächsten Dorf der nächste Redneck sitzt, dich mit „Hey mate, how you’re doing?“ begrüßt, dir mit Unverständnis für die Radtour empfiehlt, das Fahrrad zu verkaufen und ein günstiges Auto zu kaufen und sich dann mit einem „Cheers buddy“ verabschiedet.

Wie erwähnt, Highlights gab es wenige, so war jede kleine Aufmunterung schon die größte Sensation. Hier mal eine Banane geschenkt bekommen, dort mal Chicken & Rice von gestern, dann ein kühles Glas Fruchtsaft. Ich traf ein Aussie-Päärchen, die einen Deutschen gesucht haben, um den deutschen Ketchup und den deutsche Apfelrotkohl loszuwerden, das ihnen ein Freund aus Deutschland mitgebracht hatte, sie es aber nicht zu respektieren wussten. Also saß ich da im Outback, aß mein Apfelrotkohl und es lag ein leichter Hauch von Weihnachten in der Luft. Oldy Peter The Traveller, 77 aus Deutschland fütterte mich dann ebenfalls nochmal durch und im langweiligsten Streckenteil überhaupt, traf ich dann Ben aka. Ferris Gump, einen Verrückten, der die komplette Strecke Charity-mäßig mit seinem Vorratswagen Joggen will. Ich musste mich mehrfach entschuldigen, dass ich ihn mit meiner Tatsachenbeschreibung nicht motivieren konnte, aber er war trotzdem gut drauf. Noch.

Der ganze Frust wurde innerhalb eines Tages abgeschüttelt. Es begann mit einem Wasserfall. Die Millstream Falls. Er war einfach schön anzusehen. Das war eigentlich schon alles, aber sowas gab es eben die letzten 3 Wochen nicht. Im nächsten Dorf, namens Ravenshoe ging ich spontan in eine Autowerkstadt und fragte, ob sie dort auch Schweißen anbieten, da der Fahrradständer gebrochen war (Folgeschäden vom Crash auf Bali) und ich immer auf Straßenschilder warten musste, bis ich das Fahrrad anlehnen konnte. Ein älterer Mann namens Neoil nahm sich 20 Minuten Zeit, half mir beim Abschrauben und setzte eine gezielte Schweißnaht. Das Bike ist wieder standhaft! Er fragte die Chefin, was sie haben will. Nichts. „Unser Business sind Autos, keine Fahrradständer.“ Ich wollte ihm unbedingt 5$ Trinkgeld da lassen, aber er verneinte vehement. Das typische Spiel eben, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich auch in Australien Leute finde, die mitspielen. Als ich am Abend dann noch direkt an einem anderen Wasserfall zeltete war die Laune schon sehr weit oben. Weitere drei wunderschöne Wasserfälle am Folgetag und dann ein riesiger, günstiger Supermarkt. Nennen wir das Kind beim Namen, es war ein Woolworth, der Australienreisende weiß warum. Es war der schönste Supermarkteinkauf meines Lebens! Drei Wochen höllisch überteuert und keine Auswahl und jetzt das. Ich lief jede Reihe einzeln ab, als ich damit fertig war machte ich das ganze noch zwei Mal.

Wie kann man nun den Gemütszustand noch weiter nach oben treiben? Alkoholkonsum, korrekt! Meinen Statistiken zufolge habe ich in den letzten 71 Tagen 6,96 Liter Bier getrunken, was weniger als 0,1 Liter Tagesdurchschnitt ergibt. In Australien, also den letzten MONAT noch keinen einzigen Tropfen. Deshalb vielleicht auch dieser unstrukturierte Blogeintrag, mit verwirrenden Zeilen, die ich selbst nicht verstehe. Die akute Unterhopfung hat also eingesetzt und könnte schon bald zu einer chronischen werden, wenn ich nicht aufpasse. Ich bin zwar krankenversichert, aber man muss es ja nicht drauf anlegen. Glücklicherweise bin ich unmittelbar vor Cairns und der Australienreisende weiß was das heißt. Hop Hop, ninn in de Kopp! Bis dann.

 

 


R.I.P.
Apfelrotkohl und der gute Hela Gewürz Curry Ketchup
Nachbildung des längsten jemals erlegten Kroks, 8,63m->
Neoil
Millaa Millaa Falls