BLOG EINTRAG #19 - MYANMAR

Der Hype um Myanmar ist momentan riesig, man ließt immer „das Land öffnet sich“ und dennoch gibt es einige Stolpersteine, die nur umständlich aus dem Weg geräumt werden können. Ich reiste aus Indien aus, d.h. der Ausreisestempel kam in den Pass. Da ich nur ein Single-Entry-Visa bekommen hatte, gab es also kein Zurück mehr. Ab über den Grenzfluss und auf die Burmesische Seite. Dort zeigte der Beamte direkt auf ein Schild „All foreigners need a special permit …. Blabla“. Scheinbar versuchten oder versuchen es einige Leute immer mal ohne dieses Permit und stecken dann im Niemandsland fest. Wie auch immer, hatte ich mich darum gekümmert und wir riefen meinen „Agent“ an, ein kleiner dummer Betelnuss-kauender Burmese, der mit dem special permit zur Grenze kam. Für diesen spektakulären Auftritt kassierte die Reiseagentur satte 105$, aber da es nur zwei Agenturen gibt, die diesen Service überhaupt anbieten, blieb mir keine andere Wahl, als ihnen die Kohle in den Rachen zu werfen. Es scheint sich um eine schallende Backpfeife für den Geldbeutel zu handeln, jedoch relativiert sich dieser Schall, wenn man beachtet, dass ich mich ab diesem Zeitpunkt für maximal 28 Tage (bis auf einige Sperrgebiete) frei in Myanmar bewegen durfte. Alle Reisenden, die mit motorisierten Gefährten kommen, brauchen einen Guide und müssen komplett organsierte Touren buchen, inklusive Hotels, was mit horrenden Kosten verbunden ist. Deswegen bietet sich das Fahrrad als Reisemittel in Myanmar an und tatsächlich traf ich noch eine Hand voll andere Radfahrer, die hier ihren Urlaub samt Bike verbrachten. Die Regeln besagen weiterhin, dass es verboten ist, außerhalb von offiziellen Hotels oder Guesthouses zu übernachten. Was im Falle eines Gesetzverstoßes passiert, konnte mir niemand sagen, selbst Polizisten nicht, was mir auch egal war, da man sich eben einfach nicht erwischen lassen darf. Thug life! :P

Die ersten Stunden waren der Wahnsinn, hatte ich es doch tatsächlich geschafft in Myanmar einzureisen, dem Land, über das momentan jeder redet und vorallem über diese Grenze, über die man die unterschiedlichsten Gerüchte im Internet findet. Die Menschen grüßten von allen Richtungen und freuten sich. Ein „Mingalaba“ (=Hallo), verbunden mit einem wunderbar freundlichen Lächeln ist alles was ich mir wünsche, wenn ich mit meinen Rad vorbeifahre. Kein „Where you from“, kein Gegaffe, keine dummen Fragen. Top Wetter, wenig Verkehr (ab jetzt wieder auf der rechten Seite), gute Straße, viel Landwirtschaft und ein Überfluss an golden glänzenden Tempeln und Pagoden. Wahrlich schick! Irgendwie landete ich am zweiten Abend in Kale (einer sehr kleinen Stadt) und fand einen Englisch-sprechenden Lehrer in meinem Alter, mit dem ich einige „Myanmar“ (Bier) oral verklappte und der mich über diese beige Paste aufklärte, die hier alle Kinder und Frauen im Gesicht haben. Sie nennt sich Thanaka, wird aus Thanaka-Holz zusammen mit etwas Wasser durch Verreiben auf einem Stein hergestellt, hat einen angenehmen Duft, wird ausschließlich in Myanmar „getragen“ und schützt die Haut vor der Sonne, z.B. bei langen Arbeitstagen auf dem Feld. Oftmals wird sie aber auch einfach nur als nettes „Makeup“ getragen und sogar irgendwelche Designs entworfen. Auch wenn ich wahrscheinlich etwas zu alt dafür bin, schmierte ich mir das Zeug ins Gesicht, um den Einheimischen zu suggerieren, ich sei ein Local. Auch auf dem Markt, wo kein einziger Tourist anzutreffen war, fiel ich (mit meinen 1,95m) kaum auf, schließlich hatte ich mich ja mit Thanaka getarnt. Erst durch meine laienhafte Technik beim Nudeln-mit-Soße-Mischen und dadurch, dass sich auf diesen Mini-Stühlen meine Knie neben meinen Ohren befanden, wurde ich auffällig. Als ich enttarnt war, durfte ich auch direkt umsonst essen, Ausländerbonus. Diese Marktfrau wegen ihrer Freundlichkeit um ihre 14 Cent für 2 Portionen zu „beklauen“ war mir dann allerdings doch etwas zu peinlich, also gab ich ihr die 200 Kyat, die sie wiederwillig annahm.

Auf meinem weiteren Weg nahm ich eine Straße, die auf meiner kleinen Karte nichtmal eingezeichnet war, auf Google-Maps jedoch schon. 80 km Sand und sehr grobe Steine, grauenhaft! Erwähnte ich schon, dass mein Fahrrad ungefedert ist? Ich war mir sicher, dass irgendwas am Rad diese Strecke nicht überleben wird, doch erstaunlicherweise lag ich falsch. Noch erstaunlicher war jedoch, dass dort tatsächlich einige LKWs anzutreffen waren, von denen allerdings jeder zweite stand, da das Material versagt hatte. Vorbei an einer 116m hohen Budda-Figur, die in Reiseführern wohl auch eher eine Randnotiz ist, auch wenn sie die zweitgrößte der Welt ist, ging es nach Mandalay. Viel guckte ich mir von der Stadt nicht an … die Homepage pflegt sich nicht von alleine … aber irgendwo hier muss ich einen folgenschweren Fehler bei der Wahl meiner Speisen begangen haben (dazu gleich etwas mehr).

Ich fuhr weiter und fand in einer unbedeutenden Stadt namens Myingyan eine (katholische) Kirche, schließlich stand Weihnachten vor der Tür. Ich kaufte Weihnachtsgeschenke, putzte das Fahrrad, ging zum Friseur und ließ mir für ca. 58 Cent einen burmesischen Haarschnitt mit einem Hauch von Christiano Ronaldo verpassen. Klingt erstmal lächerlich, aber ich kann‘s tragen ;) Im nächtlichen Gottesdienst wurde um die Wette gesungen (Stille Nacht, Heilige Nacht gibt es auch in einer burmesischen Version), das ganze zu sehr poppigen Beats die vom Keyboard durch die Speakers dröhnten und der Pastor schwung den Weihrauchkessel, dass die Kirche einer Smokebox ähnelte. Zusammenfassend ein sehr unterhaltsamer Gottesdienst, obwohl ich kein Wort verstand, da er komplett in burmesisch gehalten wurde. Ich bekam übrigens eine neue Cap für 2,5€ und für das Fahrrad gab es etwas Schmuck: es bekam eine neue Kette, nach über 9000km.

Weiter ging es nach Old Bangan, dem Highlight Myanmars, einer alten Stadt, in der unzählige bis zu 1000 Jahre alten Pagoden und Tempel auf 36km² verteilt sind. Leider ist der Massentourismus hier längst angekommen, jedoch ist das Areal so groß, dass man immer eine alleingelassene Pagode fand, solange es nicht eine der ganz großen war. Camping muss hier, im Heiligtum des Landes, wohl ein Schwerverbrechen sein, doch ich ließ es mir nicht nehmen und verbrachte dort zwei Nächte im Zelt.

Im Eintrag von Nepal und Indien hatte ich mich noch über das Essen und die Hygiene Asiens lustig gemacht, jetzt gab es dafür die Rechnung. Durch meinen Fehler in Mandalay ging es mir so schlecht, dass ich tagsüber vor irgendwelchen kleinen Tempeln einschlief, von einem brasilianischen Päärchen aufgepeppelt wurde, mich irgendwie weiter durch den Tag kämpfte, aber nicht essen konnte. Eigentlich bin ich ja der Meinung „kommt von alleine, geht von alleine“, aber am zweiten Tag ging es wirklich so weit, dass ich mal beim Doc vorbeischaute. Mit allerhand Tabletten im Gepäck ging es weiter, schließlich wollte ich nicht in ein teures Hotel (=> Touristengebiet), um im Bett zu liegen, nichts zu erleben und irgendwie gesund zu werden. Ich konnte zwei Tage lang nicht mehr als ein kleines Frühstück essen, in den nächsten zwei Tagen konnte ich zwar essen, aber so wie es reinkam kam es auch innerhalb kürzester Zeit wieder raus. Nicht allzu verwunderlich, verschlechterte sich mein Laune, der Massentourismus in Bagan hatte mir die Mystik des Landes geklaut, die Freundlichkeit der Menschen am alten Highway war auch nicht mehr so enorm, wie am Anfang, die Regel mit dem „nur in Hotels schlafen“ erschwerte mir oftmals die Schlafplatzsuche und teilweise schlief ich nicht länger als vier Stunden auf meiner Luftmatratze, die wiederum Luft verlor. Demnach war ich motiviert schnell nach Thailand zu kommen. Also radelte ich trotzdem irgendwie 100km pro Tag, das ganze ohne Nahrung und mit wenig Schlaf. Am fünften Tag führte ich den ganzen Tag lang laute Selbstgespräche mit verschiedenen Charakteren, vorallem die von den Badesalz CDs. Passend dazu fuhr ich über eine breite, aber fast leere Autobahn mitten durchs Reisfeld in die Hauptstadt Naypyitaw, die vielleicht bizarrste Hauptstadt der Welt? Bis zu 7 (-> 14) spurige Straßen, Lichtsignalanlagen!, dicke Hotels und keine Menschen. Man könnte denken, ich hätte das aufgrund meines psychischen Zustands alles nur geträumt, aber nach zwei bis drei Zuhälterschellen, die ich mir selbst verpasste, realisierte ich, dass ich doch wach bin. Es schien so als würde morgen der große Touristenansturm kommen, jedoch sieht es hier wohl schon seit 10 Jahren so aus. Vollkommen absurd auf der einen Seite, auf der anderen Seite dachte ich mir, die Planer von New York oder Dubai müssen wohl auch für verrückt gehalten worden sein … also geben wir der Stadt nochmal 50 Jahre.

Pünktlich zum Ende des Jahres ging es mir besser, ich konnte wieder essen und war bereit in der Silvesternacht steil zu gehen. Diese Freude wurde jedoch getrübt, als ich gelangweilt feststellte, dass Silvester hier eher heißt: Feuerwerk brauche ich nicht, Alkohol auch nicht, ich bleib bis 12 wach, gratuliere meinen Mitmenschen und gehe dann schlafen. Jaaa, beim Thema Nachtsoziologie sollten die Burmesen nochmal etwas Nachhilfestunden nehmen. Ich bin 25, alleinstehend, kann machen was ich will, will feiern und was geht? Nichts. Also war ich auch im neuen Jahr motiviert das Tempo hochzuhalten und schnell nach crazy Bangkok zu kommen. Ich kam noch einige Male bei irgendwelchen Kirchen unter, da es für sie echt ein hoher Besuch zu sein scheint, wenn da sozusagen ein echter (*räusper*) Christ aus Europa kommt. Da wird dann auch gerne Mal das Gesetzt mit dem nicht-außerhalb-von-Hotels missachtet. Ein kleines Highlight stellte noch der Unfall von einem Motorradfahrer dar, der samt Mitfahrer beim Überholen mir hinterer guckte, statt auf die Straße zu achten und in ein stehendes Motorrad mit drei Personen reinrasselte. Ich meine mich an eine Werbung zu erinnern, bei dem ein Radfahrer zwei Frauen hinterherguckt und im Blumenbeet landet. Das wäre ja noch eine Geschichte, die man voller Stolz am Stammtisch preisgeben könnte. Aber in diesem Fall? Pech gehabt, Jungs. Ernsthaft zu Schaden kam zum Glück keiner…glaub ich.

Auch in den letzten Tagen wurde weiterhin das große Ritzel penetriert, die 10000km Marke geknackt, und freudig erregt die thailändische Grenze erreicht. Auf der Grenzbrücke wurde erneut die Fahrseite gewechselt, Ausreise sehr einfach, Einreise nach Thailand auch, aber das, meine Damen und Herren, gibt es dann im nächsten Kapitel zu lesen. Gerüchteweise hatte der Autor soviel Durst, dass er über 200km an einem Tag fuhr, um schnell nach Bangkok zu gelangen, wo er jedoch von zwei Ladyboys gekidnappt wurde und seitdem angekettet in einem rosa Tutu Tag für Tag den Kellerboden wischen muss. Ich halte das für großen Unsinn, also seid gespannt, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Bis dann!


in jedem kleinsten Dorf war Werbung für Myanmar zu finden
Tropenkrebs, ab zur Vorsorgeuntersuchung!
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für eine kleine "donation" bekam ich mein eigenes Weihnachtslied gesungen
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mit Thanaka getarnt auf dem Markt
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sieht zwar idyllisch aus, war aber eher weniger spaßig...
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...dafür gab es die Ursprünglichkeit Myanmars und teilweise absolute Stille zu genießen
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Beauty-Overflow!
der Ronaldo-Christmas-Cut
Old Bagan
völlig entkräftet ... geht es durch die Geisterstadt Naypyitaw
zwar verboten, aber an sich ist Myanmar ziemlich gut zum Wildcamping geeignet
einer der kreativsten Schlafplätze meiner Tour ... und dennoch mit Internet und Steckdosen
auch wenn der Weg noch immer weit ist und Eigenlob stinkt, möchte ich mittlerweile behaupten, dass ich schon ein gutes Stück voran gekommen bin