BLOG EINTRAG #18 – (NORD-OST-)INDIEN

Im Internet liest man oftmals Dinge wie „Indien ist dreckig, die Leute tun alles für Geld und klauen, der Verkehr ist die Hölle auf Erden, etc“. Erstens habe ich nicht überprüfen können, wer solche Sachen verfasst und zweitens ist Indien eines der größten, bevölkerungsreichsten und vor allem vielfältigsten Länder der Erde, über welches man eigentlich keine Verallgemeinerungen machen kann und deswegen möchte ich mir doch an die eigene Nase fassen, dass diese Informationen meine Großhirnrinde durchdringen konnten. Es dauerte ein paar Stunden geistiger Anstrengung, die Vorurteile abzulegen, aber als das geschafft war, konnte ich ganz entspannt losradeln.

Zuerst ging es durch den Staat West-Bengal, der hier, in seinem Norden voller Tee-Gärten ist. So landete ich auch eines Abends bei einem Lehrer im Dorf vom Hope Tea Garden, 2km von der Grenze zu Bhutan entfernt. Hier kommt wohl so gut wie nie ein Tourist vorbei, vor allem nicht mit dem Fahrrad. Dieses Fahrrad kostet laut Hersteller übrigens 1350€, ohne Taschen, Elektronik, SchnickSchnack. Um sich das leisten zu können, müsste ein Arbeiter in diesem Teegarten mehr als 2 Jahre lang sein komplettes Gehalt sparen. Sie bekommen 122 Rupees am Tag, was etwa 1,70€ entspricht. Ab diesem Moment erzählte ich immer, dass das Fahrrad etwa 350€ kostet, aber selbst das war für die meisten eine Sensation.

In Assam (Staat) landete ich in einem katholischen Internat und blieb einen ganzen Tag dort. Als ich am ersten Abend durch den vollen Speisesaal lief und die Kids mich zum ersten Mal sahen, war plötzlich die Hölle los. Als ich im Iran-Blog irgendwas von „Superstar“ schrieb, war es vollkommen übertrieben (jetzt ist es raus). Das hier war wahres Superstarfeeling! Teller wurden stehen gelassen und ich umzingelt und ich mit Fragen durchlöchert. Ich weiß nicht, wie oft ich meine Geschichte in diesen zwei Tagen erzählen musste, aber mir kam in den Sinn, einen Papagei zu kaufen, der für mich antworten kann. Der würde auch von mir ablenken und hätte wunderbar auf der linken Seite der Lenkerstange Platz. In Assam wurde ich jedoch nicht fündig, soviel vorweg. Am zweiten Abend wurde dann Pre-Christmas gefeiert, mit Gebet und anschließendem exzessivem Tanz zu trashiger Pop-Musik. Besondere Freude bereitete mir, als der Weihnachtsmann erschien und von den Kids verprügelt wurde, weil sie mit der Geschwindigkeit der Süßigkeitenvergabe unzufrieden waren. 30 indische Kids, rennen Santa hinterher, schlagen auf ihn ein, schubsen ihn und haben mächtig Spaß dabei. Ein wunderbares Bild, dass mir wohl so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Am nächsten Morgen bei der Verabschiedung sagten die Jungs mehrmals „Don’t forget us!“. Ich fühlte mich wie Peter Pan an seinem letzten Tag im Nimmerland. Ich war froh, dass aus den Groupies vom ersten Tag meine Homies vom zweiten Morgen geworden waren.

Was für ein Erlebnis! … und jetzt wird gehatet!!! …denn ansonsten gab es für mich in Assam nicht allzu viel zu sehen. Dafür gab es mich zu sehen. Immer wieder wurde ich einfach nur angestarrt, oftmals ohne, dass jemand was sagte. Ich war oft hungrig, da ich an keinem Restaurant anhalten wollte, weil ich genau wusste, was passieren würde. Innerhalb von 20 Sekunden umzingeln 10 Inder das Fahrrad, gucken es sich an und sobald sie damit durch sind gucken sie mich an, aber sagen nichts und gehen erst dann, wenn ich gegessen habe und weiterfahre. Ich dachte, dass wenn ich mit Schwung an ein Restaurant ranfahre und unmittelbar davor parke, mich niemand sieht, aber es gab keine Hoffnung … wie gesagt, 20 Sekunden. Auf dem Rad wurde ich auch oftmals ausgefragt. Selbst wenn der Gegenüber kein Englisch kann, für ein „Where you from?“ reicht es immer. So endete das Gespräch auch oftmals schon nach dieser Frage. Um mich selbst etwas zu unterhalten, dachte ich mir irgendwelche Länder aus oder sagte einfach irgendwas. Ich hatte das Gefühl, dass die Antwort sowieso irrelevant ist. Für mehrere Selfies musste ich auch täglich herhalten, auch das oftmals ohne wirkliches Gespräch. Hier dachte ich zum ersten Mal, es wäre besser zu zweit zu fahren, denn es ist schwierig, sich alleine über jemanden lustig zu machen. Probiert es aus, es funktioniert nicht.

Natürlich waren nicht alle so Hohlbrote, wie eben beschrieben, aber auch bei den freundlichen Leuten, die ich kennenlernte … es waren gute Erfahrungen, aber irgendwie ticken sie anders. Ausnahme war da sicherlich Vikram und seine Familie. Mit ihnen genoss ich eine entspannte Zeit und er lieferte außerdem die Antwort auf die Frage „Wie machst du des dann nachts mit deinem Fahrrad?“. Er ist der Besitzer einer Sicherheitsfirma, man hätte es sich denken können ;)

Sobald die Grenze nach Nagaland überquert wurde, kam auf einmal Weihnachtsstimmung auf. In der Stadt Dimapur leuchtete, blinkte und funkelte es in jeder Straße. Hier ist der Großteil der Bevölkerung christlich. Auch das Verhalten der Menschen wurde jetzt wieder deutlich angenehmer. Hier sowie in Manipur (letzter Staat vor Myanmar) hörte das Starren auf, ab und zu wurde sogar wieder freundlich gegrüßt und an Restaurants wurde dem Bike ein kurzer Blick geschenkt und dann wurde weitergegangen. In Manipur sah ich dann alle 2km Soldaten. Sie waren überall, selbst im Gebüsch. Von mir wollten sie nichts, teilweise hatten wir sogar ein paar lustige Gespräche und es gab Tee, aber wie es für die Zivilbevölkerung ist, kann ich nicht genau sagen. Aufgrund der vielen verschiedenen Stämme und Religionen, welche ein Konfliktpotenzial darstellen und aufgrund des Drogenschmuggels von Myanmar, schenkt die Indische Regierung diesem Staat wohl besondere Aufmerksamkeit in Form von extremer militärischer Präsenz. Dazu ein kleiner Link zum längsten Hungerstreik der Welt.

Am letzten Abend, als ich in der Präsidentensuite der Immanuel Church in Moreh übernachten durfte, ging ich nochmal die Infos vom Auswärtigen Amt zur Einreise nach Myanmar durch:

„Reisen über Land (…) Die Grenzübergänge (…) Tamu (Chin-Staat) – Morei (Indien) sind nur für Handel geöffnet, nicht für Touristen.“ Auswärtiges Amt, do your job!

Und jetzt noch ein paar Bonus Facts:

Der Verkehr war bei weitem nicht so schlimm, wie oftmals beschrieben. Auf dem Land sowieso nicht. In der Stadt wird zwar unglaublich viel gehupt und durcheinander gefahren, aber wenn man die Ohren zu und die Augen auf macht, kommt man doch ganz gut durch.

Die Hupe bedeutet etwa nichts. Man hupt hier, um zu sagen, dass man überholt, oder dass man auch da ist. Es ist schon ziemlich dumm, denn es macht den Verkehr nicht sicherer, sondern hektischer und das Durch-die-Stadt-laufen ist total unentspannt.

Das Essen ist ziemlich genial und kostet wenig. Eine dicke Portion von der man richtig satt wird kostet + - 1€, ohne Fleisch noch weniger. Gegessen wird, wie in Nepal, mit der Hand, auch der Reis. Im Prinzip wird alles mit Curry gewürzt und ordentlich scharf gemacht, aber es funktioniert. Manchmal sollte man den Kopf ausschalten wenn man isst, schließlich wird das mit der Hygiene hier nicht so ernst genommen und abwaschen heißt meistens, etwas Wasser über den Teller zu schütten. Einmal musste ich auch über den Abwasserkanal steigen, um im direkt dahinter liegenden Restaurant zu essen, wie gesagt: Kopf aus! Achja, wer auf Durchfallerkrankung gesetzt hatte, den muss ich enttäuschen, die Kohle ist weg, schließlich habe ich mich an die goldene Asien-Traveler Regel gehalten: „Peal it, cook it, or forget it“ …bzw. habe ich sie etwas erweitert: “Peal it, cook it, or pfeifs dir trotzdem rein und verlass dich auf dein Glück“.

In Deutschland bin ich zwar überdurchschnittlich groß, aber kein Riese. In Indien bin ich ein Riese. Immer wieder schlichen sich Leute an mich ran, um zu zeigen, wie extrem der Größenunterschied ist oder stellten sich neben das Fahrrad, das ihnen bis zur Brust ging.

Ich denke schon, dass mein Fahrrad ganz schön ist, aber seit Indien weiß ich, was für eine Rakete es ist. Dynamo für Licht und Handyladekabel, Hörner, Hydraulikbremsen, Tacho. Aber was hier mit Abstand am meisten bewundert wurde, ist für uns ziemlich normal: die Gangschaltung. „Look! Gear, gear!!!“

Meine Tour ist nicht nur eine Weltreise, es ist auch eine Zeitreise. Angefangen im Jahr 2015, war ich 1394 im Iran, wieder zurück nach 2015, besuchte Nepal im Jahre 2072 und ging wieder zurück ins Jahr 2015 in Indien. Und jetzt der Kracher: bald fahre ich sogar ins Jahr 2016! Das TX-400, der Delorean unter den Fahrrädern.


Erst wusste ich nicht, was ich über Indien schreiben soll, jetzt ist es doch wieder zu viel geworden. Dafür möchte ich mich in aller Förmlichkeit entschuldigen. Eigentlich hätte ich noch mehr Futter, z.B. die Top 5 Weirdest Stories, aber das muss wohl warten. Ob ich aber nun zum Mittel des illegalen Grenzübertritts greife oder ob ich „handeln“ muss oder ob ich anfange zu weinen, umdrehe und nach Hause fahre, das erfahrt ihr im nächsten Jahr! Ich bedanke mich bei allen Lesern, die ich im ersten halben Jahr hoffentlich etwas unterhalten konnte und noch mehr bei denen, die mir sogar ein Feedback gaben, zu dem Stuss den es hier manchmal zu lesen gibt. Und bei den Lesefaulen, die sich die ersten Zeilen geben und sich dann die Bilder reinziehen, würde ich mich theoretisch auch bedanken, aber die sind sicherlich nicht bis hierher gekommen. Also, liebe Grüße, allen ein Frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch. Lassts krachen! … denn ihr wisst: YOLO! 

West-Bengal
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Hope Tea Garden
St. John's Higher Secondary School
Morgensport in der Polizeistation
Auf einem Tagesausflug ins "Schottland Indiens", nicht weit von Bangladesh entfernt, fand ich dieses Prachtstück. One Love!
Vikram and Family
Auf dem mühsamen Weg nach Kohima auf über 1700m gab es allerhand motivierende Poetry
Die Presidentensuite
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Typisch bunter Truck
Wieviel Kilo illegaler Drogen hat er dabei?
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für Mama, frohe Weihnachten
Blog #17--->