BLOG EINTRAG #31 – Mexiko (Part1)

„You’re going to Mexico? Are you sure?!“

Eine Lektion, die ich eigentlich schon in Osteuropa gelernt hatte, wurde mir hier im Fall USA-Mexiko nochmals mit Nachdruck eingetrichtert: Informationen über ein anderes Land, die dir von Leuten gegeben werden, die dieses Land niemals besucht haben, sind NICHTS wert. Sie sind weder richtig noch falsch, sie sind einfach NICHTS Wert. Wenn der Satz also schon mit „I heard that …“ anfängt, kann man direkt auf Durchzug stellen. Links rein rechts raus. Auch mit diesem Wissen, kann es, wenn auch ungewollt, passieren, dass die Information beim Fluchtversuch die Großhirnrinde tuschiert. Wenn das zu häufig passiert nistet sich was ein. Allgemein unter Brainwash bekannt, denkt man nach einer gewissen Zeit, dass es wirklich so ist, obwohl man genau weiß, dass es nicht so ist. Als Gegenmaßnahme kann man versuchen, sich dauerhaft selbst das Gegenteil einzutrichtern, um den Input wieder auf „neutral“ zu Polen.

Gemeint ist natürlich die unfassbare Angst die viele US-Amerikaner vor Mexiko haben und auch zum Ausdruck bringen wollen. Warum mir so viele ihr Halb- bzw. Unwissen mitteilen mussten weiß ich auch nicht, schließlich war es klar, dass kein Weg an Mexiko vorbei führt. Also fuhr ich letztendlich halt einfach rüber, über die Grenze nach Mexiko. Pünktlich 2 Tage vor den Präsidentschaftswahlen der Vereinigten Staaten von Amerika. Dass ich so radikal vorgehe und statt zahlreichen sinnlosen Facebook-Posts, Heul- und Zorn-Smileys eine solch ausdrucksstarke politisch motivierte Protestaktion bringe, hätte ich mir auch niemals träumen lassen. Geholfen hat es trotzdem nichts. Zumindest nicht der USA. Mir schon. Ich bin drüben!

Weltweit war bisher meine Erfahrung, dass, wenn es einen Einreisestempel gab, es auch einen Ausreisestempel geben muss. Deswegen war ich ziemlich verwirrt, als man mich einfach so durchfahren ließ, ohne einen Ton zu sagen. „Das kann nicht sein“, dachte ich mir, aber nun war ich schon drüben. Die Schlange von Fußgängern von Mexiko nach USA war unglaublich lang, also lief ich einfach durch die Autospur zurück Richtung USA … von Mexiko!!! Wo waren die Helikopter von FOX News? Ein Beamter hatte auch direkt die Hand aus der Hosentasche genommen und an  sein Maschinengewehr gelegt und sagte erbost: „What you’re doing here, I could arrest you!“ Es erinnerte mich schwer an Grundschulzeiten, wo es im Falle eines Streits oftmals hieß: „Ich kanns auch meiner Mama sagen!“ Auch wenn er mir meine Frage noch beantwortete und mich weder verhaftete noch erschoss, kann ich mit Gewissheit sagen, dass die USA mit Abstand die gestörtesten Cops hat. Den Ausreisestempel braucht man also nicht, danke.

Auf mexikanischer Seite funktionierten die Computer der Imigration nicht. Nach nettem Abschied also gleich eine tolle Begrüßung. So ging es erstmal als illegaler Einwanderer voran, bis ich bei der zweiten Imigration alles unter Dach und Fach bringen konnte. Visum für 180 Tage, das könnte reichen.

Am ersten Abend wollte ich auch gleich unter Beweis stellen, dass die Ängste über Mexiko unberechtigt sind, verließ bei Sonnenuntergang die Hauptstraße und endete in einem Dorf. Vielleicht war das hier in Grenznähe, mit meinem noch extrem schlechtem Spanisch und in der ersten Nacht doch nicht die Beste Idee. Bei einem harmlos scheinenden Dorffest, sorgten gleich 6 Polizisten für Sicherheit. Nach der Frage, wo ich denn hier am besten schlafen könnte, einer Diskussion mit allen 6 der Beamten, beschlossen sie, mich und das Bike mitzunehmen, ich kann bei ihnen auf der Wache schlafen. Special Service der Polizei nur für mich, das war das letzte halbe Jahr (Australien und USA) unvorstellbar. Auf der Wache angekommen, wurde auch direkt mächtig rumgescherzt, mir wurden noch Tacos und Mexican Hotdogs gebracht und zur Krönung durfte ich in der Frauenzelle schlafen, da diese saubere als die Männerzelle war. Mexiko - endlich mal wieder was los!

Dann ging es etwa 1300 Kilometer flach und mit Rückenwind Richtung Süden. Temperaturen über 30 Grad im Schatten, 0 Schatten, Sonne jeden Tag, das Meer zwar nah, aber dennoch nicht zu sehen, stattdessen viel Öde und Kakteen. Die Preise zwar nicht super billig, aber dennoch deutlich günstiger als in den USA. Tacos, Burritos, Quesadillas, Nachos, Salsa, Jalapenos, Guacamole, Tequilla, usw. Glücklicherweise funktioniert hier Couchsurfing noch, im Gegensatz zu USA und Australien, wo Air BnB übernommen hat…Schande! Es funktioniert hier sogar besser als je zuvor. Und jeder Kontakt, hat nochmals viele weitere Kontakte, so konnte ich ganz entspannt von Stadt zu Stadt radeln und fand stets nette Leute und einen Platz zum Schlafen. Die Städte waren durchweg modern und hatten alles was das Herz begehrt, nur die Straßenqualität innerhalb der Stadt war meisten bescheiden. Wenn die Entfernung zwischen zwei Städten zu groß war, war auch Wildcamping gut versteckt zwischen Kakteen kein Problem für mich. Für Luftmatratze und Fahrradreifen schon.

In Los Mochis, blieb ich etwas länger, ich musste effektiv an meinen Spanisch-Skills arbeiten. Zusätzlich wartete ich auf ein Packet aus Deutschland mit Fahrradteilen. Die Mexikanische Post ist jedoch unglaublich langsam, deshalb fuhr ich weiter und werde mir das Packet dann mit DHL hinterherschicken lassen, was nicht mehr als 2 Tage in Anspruch nehmen sollte. Hoffentlich.

Eine erwähnenswerte Nacht gab es noch in La Cruz. Über einen, der vielen Kontakte, konnte ich bei einer Meeresschildkrötenaufzuchtstation campen. Nachts kamen sogar noch die Mitarbeiter zu ihrem Schichtbeginn und zusammen gruben wir 53 frisch geschlüpfte Meeresschildkrötenbabys aus. Ich durfte im Haus am Strand schlafen und platt von 131km in der Hitze, machte ich das Licht aus und ließ mich aufs Bett fallen. Wenige Minuten später hörte ich ein kratzendes Geräusch. Aus dem einen wurden immer mehr, also machte ich das Licht wieder an. Die Geräuschquelle kam direkt von neben dem Bett. Die Mitarbeiter hatten die Schildkrötenbabies in ein Plastikbecken direkt neben dem Bett gelegt, welche nun die Augen geöffnet hatten und vergebens versuchten ins Meer zu rennen. Ach wie süß! Klingt vorerst gemein, aber da normalerweise auf dem Weg ins Meer nur die wenigsten nicht von gierigen Vögeln genascht werden, sollten sich alle 53 glücklich schätzen. Auch ich schätzte mich glücklich und passte gut auf die Kleinen auf, bis die Mitarbeiter am Morgen wieder da waren.

Nach den ca. 1300km Flachland ging es den Berg hoch, auf das Hochland Mexikos. Das war und bleibt vorerst anstrengend und auch (verhältnismäßig) ziemlich kalt, aber ist nötig, um an die Ostküste zu gelangen. Dieser Move wird aus Sicherheitsgründen, sowie insgesamt deutlich weniger Höhenmetern durchgeführt. Sobald die Ostküste erreicht ist, sollte es auch deutlich spannender werden, mit Dschungel, Mayaruinen, undundund. Dann sollte auch der Fotofinger wieder aus seinem Tiefschlaf erwachen. Bis dahin.

Blog #30--->